Am Leid festhalten.

  • Mich kotzt es an, dass sich so viele Menschen in ihrem eigenen Leid suhlen. Mich kotzt es an, das auch ich mich darin bade und vergesse, dass es nichts zum Leben beiträgt.


    Wir verwechseln den schriftlichen Ausdruck von Selbstmitleid mit Selbstreflexion!


    Ich wünsche mir konstruktive Hilfe. Ich wünsche mir, das ich mir selbst konstruktiv helfen kann. Ich wünsche mir auch, das anderen konstruktiv geholfen wird.

  • Die Frage ist auch, wann wollen wir nur, das uns jemand in den Arsch kriecht, uns bemitleidet und tröstet und wann wollen wir wirkliche Hilfe? Ich sage nicht, dass das Eine verkehrt ist und nicht sein darf, aber inwiefern entwickeln wir uns dadurch weiter?


    Ich merke ebenso, mir ist meine Erwartungshaltung an Andere auch nicht immer bewusst. Das es wichtig ist, sein Bedürfnis deutlich zu machen, statt es hinter Worten aus Leidbekenntnissen zu verbergen.


    Und ich erkenne auch, das reine Wiedergeben von Emotionen, Gedanken und Erinnerungen bietet Potential, sobald man bereit ist, Ressourcen daraus zu erarbeiten und vorallem: dies auch zuzulassen.

  • Vielleicht ist das am Leid fest halten auch in gewisser Weise ein am Bekannten festhalten. Das kann dann wiederum eine Art Sicherheit vermitteln. Natürlich bringt einen das nicht weiter nach vorne im Leben. Wie sollte man auch vorwärts kommen, wenn man bekannten festhält?


    Eine Erwartungshaltung diesbezüglich habe ich an andere überhaupt nicht. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Mitleid von anderen möchte ich nicht. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass das manchen in gewissen Situationen vielleicht sogar auch gut tun kann.
    Ich würde allerdings differenzieren zwischen in den Arsch kriechen und echtes Verstehen und "Dasein". Echtes Verstehen und Dasein kann schon auch hilfreich sein, in manchen Situationen.
    Es kann aber auch Hilfe sein eher zur Selbstreflexion anzureden und jemand zu motivieren eben nicht weiter in Selbstmitleid zu baden. Sehr komplex das ganze.

    "I will be so strong looking for an new version of myself
    'cause now all I want is to be a part of my new world"
    (Cecilia Krull - My Life is going on)

  • Zitat von Amalthea


    Eine Erwartungshaltung diesbezüglich habe ich an andere überhaupt nicht. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Mitleid von anderen möchte ich nicht. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass das manchen in gewissen Situationen vielleicht sogar auch gut tun kann.

    Da auch andere bereits geschrieben haben, das sie nichts von anderen erwarten, möchte ich da noch meine Gedanken zu ergänzen.


    Ich würde behaupten, wir alle "erwarten" etwas, wenn wir uns mit Sorgen, Ängsten, Leid (umgekehrt auch mit Freude, Begeisterung) an einen anderen Menschen wenden. Auch hier im Forum. Egal ob wir um Rat bitten oder uns nur auskotzen wollen, wir wünschen uns grundsätzlich eine Reaktion des Gegenübers. Dieser Wunsch, diese Hoffnung, das Bedürfnis nach einer Reaktion ist uns nicht immer bewusst und ich denke, genau dies führt dann oft zur Spannung oder zu Missverständnissen innerhalb der Kommunikation.


    Wenn ich nur mal so richtig getröstet werden möchte und mir Zuspruch und Wertschätzung wünsche, dann fühle ich mich missverstanden, wenn das Gegenüber mir signalisiert, ich solle mich doch nicht so anstellen oder ich soll positiv denken oder ich soll dies oder das ausprobieren, damit es mir besser geht. Als Konsequenz darauf, bin ich enttäuscht, weil ich wollte ja nur mal in den Arm genommen werden oder ein paar liebe Worte hören.


    Wenn mir mein Bedürfnis / mein Wunsch / meine Erwartung an das Gegenüber nicht bewusst ist, reagiere ich vielleicht mit Enttäuschung oder Wut, weil ich unterbewusst eine andere Vorstellung hatte, von dem was das Gegenüber für mich tun soll.


    Schulz von Thun hat die vier Ebenen einer Nachricht beschrieben, die beschreiben solche Situationen sehr treffend.


    Ist es mir bewusst, fällt es mir schnell auf und ich kann darauf reagieren und sagen "Hey, deine Ratschläge sind hilfreich, gerade kann ich das aber nicht annehmen, weil ich Trost von dir brauche."


    Es erfordert natürlich sehr viel Selbstreflexion und ein Stück weit kommunikative Fähigkeiten, um dies zu verdeutlichen. Denn es birgt die Gefahr, dass das Gegenüber seine Form der Hilfe als sinnlos empfindet und sich beleidigt, gekränkt fühlt.


    Und ja, Empathie wird häufig mit Mitleid verwechselt. Denn wahre Empathie "wertet" nicht. Aber das geht jetzt stark in die ganzen Theorien zur Kommunikation, im Alltag sind diese ja oftmals nicht präsent.

  • Die Frage, die wir uns immer stellen sollten ist:


    Was brauche ich in diesem Moment?
    Was hilft mir, um den Moment zu überstehen oder zukünftig damit umzugehen?
    Möchte ich emotional in Form von Ermutigungen oder Trost unterstützt werden?
    Möchte ich, das jemand anders eine Lösung für mich findet (einen Ratschlag) ODER mir eine Entscheidung abnimmt?
    Möchte ich, das mein Gegenüber mich soweit in meiner Eigenreflexion unterstützt, das ich selbst zu einer Lösung finde?


    Der letzte Punkt geschieht eher selten, häufiger innerhalb einer Therapie, kaum unter Freunden oder Bekannten. Ich kritisiere es hier, aber es geschieht mir ebenso ... ich bin nicht frei davon, versuche es mir aber immer wieder vor Augen zu halten.

  • Ich wünsche mir konstruktive Hilfe. Ich wünsche mir, das ich mir selbst konstruktiv helfen kann. Ich wünsche mir auch, das anderen konstruktiv geholfen wird.

    Ich verstehe dich gut, geht mir ganz genauso. Je länger je mehr merke ich, dass das ein frommer Wunsch von mir ist. So tickt die Welt nicht.
    Es ist ein Ideal, dass es so leider nicht gibt.
    Diese Tatsache ist ein grosser Grund für meine Depression.

    "One of my biggest mistakes in life
    is thinking people will show me the same love that I've shown them." -Heath Ledger (1979-2008)