Arbeiten im sozialen Bereich

  • Hey ihr sozialen Menschen ... seid ihr da?


    In welchen Bereichen und mit welchem Klientel arbeitet ihr?


    Hat eure psychische Verfassung Auswirkungen auf die Arbeit mit kleinen und/oder großen Menschen?


    Seht ihr Vorteile bzw. bestimmte Ressourcen für eure Arbeit durch persönlichen Erfahrungen? Oder sind diese eher hinderlich?


    Könnt ihr euch gut abgrenzen?


    Freue mich auf den Austausch!

  • Ich bin diplomierter Krankenpfleger und Notfallsanitäter - Unsere PatientInnen sind schwer kranke und sterbende Menschen.


    Bin sehr offen mit meiner bipolaren Störung umgegangen, meine Diagnosen sind meinem Arbeitgeber bekannt. Man ist hier sehr auf mich eingegangen - ich mache keine Nacht- , Not- und Wochenenddienste (außer wenn es wirklich nicht anders geht) und man setzt mich da ein wo ich es psychisch auch gerade schaffe. Derzeit geht das überall. Ich habe eine Einstufung über das Sozialministeriumservice und erfülle mit meinen Diagnosen quasi die Quote. Nicht erstrebenswert, aber nur fair für meinen Arbeitgeber.


    Man sagt ich bin besonders empfindsam und habe einen einfühlenden Umgang mit Kindern. Das sind allerdings Einschätzungen meiner KollegInnen, ich selber finde nicht, dass ich mich da irgendwie hervorhebe. Hilfreich sind meine psychiatrischen Probleme im Umgang mit Depressionen, Wut und Trauer unserer PatientInnen (warum ich, warum jetzt, etc.), weil ich mich da nicht erst einfühlen muss, sondern die Tiefe kenne.


    Hinderlich wird es dann, wenn ich in Mischphasen stecke. Wir haben viel Verantwortung und ich hab dann oft so viel mit mir zu tun, dass ich Angst habe, meiner Verantwortung nicht gerecht zu werden. Offenheit hilft da, ich habe in unseren Teams unterschiedliche Ansprechpersonen, die ich informiere, wenn etwas nicht geht. Schwierig ist es in der Pflege auch, wenn man auf besonders sexualisierte Menschen trifft, das möchte ich hier aber nicht weiter ausführen.


    Die Abgrenzung funktioniert meistens gut. Bei Kindern ist es schwieriger, obwohl sie es einem oft so „einfach“ machen. Sie neigen dazu einen zu trösten, obwohl sie es sind, die da schwer krank und mit Schmerzen im Bett liegen. Ich weiß dass der Tod dazu gehört und kann damit umgehen, nur Suizidgedanken sind seither irgendwie nochmal ein Stück schwieriger für mich.


    Ist jetzt doch länger geworden als ich wollte, sorry. Du hast das Thema gestartet, wie ist das bei dir?

  • Ich kann da Jaffels nur zustimmen. Die Arbeit mit Kindern ist für mich wesentlich einfacher, als mit Erwachsenen. Kinder haben eben die Weitsicht noch nicht, die wir Erwachsenen haben.


    Ich bin examinierte Krankenschwester, im Krankenhaus und in der ambulanten Kinderintensiv tätig.


    Momentan stehe ich beruflich allerdings total auf der Kippe, da ich das Gefühl habe, durch meinen eigenen Zustand nicht mehr die nötige Emphatie für diesen Beruf zu haben.


    Ich bin so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass ich an manchen Tagen das Leid der anderen kaum ertragen kann.


    Momentan würde ich mir etwas ganz stupides wünschen... Regale einräumen oder so

  • Hallo @Lutretia,
    das mit der Gefühlslosigkeit ist im Pflegeberuf eine schwierige Sache.


    Als ich in der TK war habe ich eine Altenpflegerin wegen Depression kennengelernt.
    Als der Arbeitgeber von ihrer Erkrankung erfahren hatte wollte er sie nicht mehr weiterbeschäftigen. Ich weiss leider nicht wie es ausgegangen ist, da ich eher entlassen wurde als sie.


    Ist es für einen depressiven Menschen überhaupt möglich ständig mit schwer Erkrankten oder sterbenden Menschen zu
    arbeiten?
    Meine Erfahrungen sind die, dass ich mich schwer abgrenzen kann von den Sorgen und Nöten anderer Menschen. Daher vermeide ich es mit anderen Kollegen zusammen zum Mitagspause zu gehen und bin auch froh im Moment allein im Büro zu sitzen.
    Ich möchte anderen Leuten helfen aber ich verbrenne dabei.

  • ich habe fast 33 Jahre im sozialen Bereich gearbeitet
    im Krankenhaus,in einer WfB und in der ambulanten Kranken- und Altenpflege


    mittlerweile bin ich berentet
    ich habe meine Arbeit gerne gemacht, aber irgendwann ging es nicht mehr


    ob ich letztendlich durch meine Erkrankung oder vielmehr trotz meiner Erkrankung
    so lange durchgehalten habe weiß ich nicht

  • @Jaffels, du hast Recht, ich sollte mich auch noch äußern. :hüpfen2:


    Ich arbeite in einer Kindertagesstätte.
    Als meine Depressionen vor einigen Jahren noch sehr mächtig und einnehmend waren, befand ich mich noch in der Ausbildung und im Nachhinein muss ich sagen, dass ich in diesem Zustand besser nicht verantwortlich für eine Gruppe von Kindern hätte sein sollen. Ich war immens mit mir und meinem Erleben beschäftigt und glücklicherweise ist in Puncto Aufsichtspflicht nie etwas geschehen ...


    Inzwischen hat mein psychisches Erleben nur wenig (negativen) Einfluss auf die Arbeit. Bedingt durch die jahrelange Selbstabwertung trage ich zeitweise immer noch Zweifel mit mir, häufig bezogen auf meine berufliche Identität. Gerade im Austausch mit Kollegen fällt es mir schwer, mich durchzusetzen oder meine Meinung klar zu definieren, doch derzeit arbeite ich daran und ich werde langsam selbstsicherer.


    Im Umgang mit den Kindern ist mir aufgefallen, dass ich einen sehr großen Wert auf Respekt und Wahrung Ihrer Rechte lege. Ich werde fuchsteufelswild, sobald Eltern oder Kollegen wertend über ein Kind sprechen - was leider hin und wieder der Fall ist. Kinder sind Kinder und keine kleinen Erwachsenen, man kann ihnen keine "bösen" Absichten unterstellen.


    Generell bin ich sehr sensibel hinsichtlich des Kinderschutzes. Ich nehme jede Aussage eines Kindes ernst und verursache damit lieber einmal mehr Trubel als mit dem Gedanken zu leben, dass ein Kind möglicherweise Gewalt ausgesetzt ist.
    Kommt es zu einem solchen Fall, beschäftigt es mich schon sehr, ich denke viel darüber nach ... aber emotional kann ich mich interessanterweise ganz gut abgrenzen. Ich habe noch keine schlaflosen Nächte gehabt. Ich kann noch nicht genau sagen, was das für mich bedeutet ...




    Insgesamt arbeite ich gerne mit Kindern. Es ist oft anstrengend und die Rahmenbedingungen durch Personalmangel, Krankheitsausfälle etc sind zeitweise richtig mies. Aber (!) das ist es mir wert, wenn ich es dennoch schaffe, dass die Kinder sich geborgen und wertgeschätzt fühlen und sich in einer angenehmen Atmosphäre entwickeln und lernen.

  • Ich hab eine Zeit lang im sozialen Bereich gearbeitet, mit geistig und körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen.


    Hätte ich es psychisch ausgehalten, würde ich da wohl immer noch arbeiten, leider ging mir das ganze aber auf Dauer sehr nahe. Aber im Prinzip fand ich die Arbeit echt super, obwohl ich eigentlich diverse Schwierigkeiten im zwischenmenschlichen habe, mit diesen Kindern war das alles irgendwie nicht so schlimm.


    Es hat meine Perspektive auch ein wenig verändert/beeinflusst, was mir bei meinem eigenen Krankheitsverlauf bzw fürs Leben generell hilfreich war.

  • Ich arbeite auch im sozialen Bereich mit KIndern.
    Früher wollten es mir alle ausreden, dass das nichts für mich wäre, weil ich sehr schüchtern war und kaum auf andere zugegangen bin.
    Mittlerweile bin ich aber sehr froh, dass ich es trotzdem gemacht habe, auch wen es während der Ausbildung nicht immer einfach war. Habe aber immer wieder feststellen dürfen, dass es mir sehr viel gibt. Es war phasenweise der einzige Bereich, in dem ich wirklich was leisten konnte. Egal was privat war, die Arbeit hat mir da oft sehr geholfen, das ganze auszuhalten, einfach das Gefühl zu haben, auch was sinnvolles leisten zu können.
    Was ich auch immer weder spannend finde, und auch manchmal sehr hilfreich, sind die "einfachen" sichtweisen der Kids, die alles noch nicht so sehr hinterfragen wie wir Erwachsenen.