Die Gesellschaft

  • ...macht mich einfach nur kaputt-. Für wen mache ich Abitur. Nicht für mich selbst, nur für die Gesellschaft, um etwas zu erreichen. Ich lebe kein Leben, ich lebe ein System und das Tag für Tag aufs Neue. Ich liebe Musik, das ist die einzige Sache die mir Freude bereitet. Aber nein, man sagt mir ich muss was machen was sicher ist. Man, jeder erwartet Leistung von mir. Jeden Tag hat man diesen Druck, den Druck etwas erreichen zu müssen. Ich find die Luft zum atmen nicht mehr. Ich will raus aus diesem System. Ich muss hier raus, ich weiß nicht wie lange ich das noch aushalte. Ich will nur an einen Ort wo ich ich selbst sein kann und keiner Erwartungen an mich hat. Wem geht's genauso?

  • Ich verstehe dich. Mir geht es ähnlich. Ich habe im Durchschnitt 37,5h Schule und dann noch 8h Arbeit pro Woche. Das alles nur, damit ich dann in der Gesellschaft etwas erreicht habe. Ich mag auch Musik. Ich selbst spiele Klavier, aber selbst das macht man mir momentan kaputt, in dem ich für und in der Schule spielen soll. Überall Leistung, Leistung, Leistung. Macht man einen Fehler bekommt man eine Verwarnung, macht man drei Fehler fliegt man aus dem System. Vielleicht sollte ich genug Fehler machen? Aber selbst dann funktioniert das System noch, denn dann kommt Familie und macht Druck. Also ich hasse das System.
    Ich werde Erzieher, weil ich gerne mit Kindern arbeite, aber selbst das ist nur ein kleines Rädchen im ganzen System.

    Aber der Herr ist treu; er wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen.

    2. Thessalonicher 3,3


    "Erkenne dich selbst, bevor du danach trachtest, andere zu erkennen."

    J. Korczak


    "Keiner mag uns. Keiner will uns. Alles ist schlechter als es gestern war. Die Welt zu sehen. Das tut uns weh. Wir springen in den tiefen Schnee."

    aus "Der kleine Eisbär"

  • Die Erwartungen wirst du denke ich immer haben, egal welches System du stattdessen wählst.. Erwartungen entstehen irgendwie automatisch durch das Zusammenleben mit Menschen...
    Dass man dir sagt, dass du etwas tun musst, was "sicher" ist, ist am Ende auch bloß eine Illusion. Klar, von irgendwas muss man leben egal, nach welchem Entwurf man sich das vorstellt...aber die Rahmenbedingungen dafür schaffst du und nicht dein Umfeld.
    Du entscheidest wie weit du den Weg gehen willst, den dein Umfeld von dir erwartet und sich wünscht und du entscheidest auch, wann es dir reicht und wann du stattdessen etwas anderes tun willst... Das Ding ist halt, dass man von der Erwartung anderer Leute nicht glücklich wird. So plakativ das klingt ist es dein Leben und du bist die einzige Person, die dieses Leben mit allem was dazu gehört bis zum Schluss leben wird.
    Wenn du sagst, dass Musik dir Spaß macht, warum verfolgst du das danach nicht weiter?


    Ich bin mir sicher, dass es eine Menge Menschen gibt, die das völlig anders sehen werden.
    Aber für mich war das damals die übelste Erleichterung als ich begriffen habe, dass mein Leben eben auch zu großen Teilen mir gehört und die größte Rechtfertigungsebene, die ich jemals haben werde mir selbst gegenüber besteht. Seitdem ich mache, worauf ich Lust habe auch, wenn das so ziemlich das unsicherste, gruseligste und Nervenzehrendste der Welt ist, weil ich vermutlich niemals ein festes Einkommen, viel Geld oder einen gesicherten Lebensstandart haben werde, geht es mir um einiges besser. Weil ich weiß, wofür ich kämpfe. Weil ich weiß, wofür ich aufstehe. Weil ich weiß, wohin ich will.


    Übrigens hab ich damals auch darüber nachgedacht mein Abitur nicht zu machen und das wäre im Nachhinein eine ziemlich blöde Entscheidung gewesen. Egal, was du danach vorhast machst du dir damit alle Türen auf, die du dir aufmachen kannst um zu entscheiden, was du dann anfangen willst. Und das ist ja an sich kein schlechter Start in den Rest deines Lebens.. und wenn du es dann nicht brauchst ist das okay aber du hast wenigstens die potentielle Möglichkeit das auszunutzen. :)

  • Ich verstehe die hier angesprochene Thematik sehr gut. Mein ganzes Leben frage ich mich schon: "Wozu?". In einer imperialistisch kapitalistischen Welt leben zu müssen, wo "alle die gleichen Chancen" haben sollen auf Karriere. Was nutzt Karriere, wenn links und rechts Mitmenschen verhungern, in Alkohol ertrinken, in Nikotin ersticken, in Drogen verwesen,...am Suizid sterben,...wenn alle einfach nur leben wollen aber nicht können oder gar dürfen. In so einem menschenfeindlichen Paradigma kann nicht jeder gut leben.


    Prinzipiell denke ich, dass man mit Abi besser dasteht als ohne...die Problematik "alle sind deine Feinde und Konkurrenten und du musst besser sein als alle anderen und es gibt mindestens 100 Bewerber, die alles besser können als du, deshalb musst du dich 1000% mehr anstrengen", bleibt aber bestehen...

    Truly, if there is evil in this world, it lies within the heart of mankind.
    Edward D. Morrison